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Sehr geehrte Damen und Herren,

In diesem wunderschönen Land, in dem die Endoskopie vor circa 200 Jahren entstanden ist, hat der Münchner Chirurg E. Seifert 1929 in einem Artikel in Der Chirurg die Chirurgen davor gewarnt, daß in der Zukunft Ösophagoskopie, Gastroscopie und Rektoskopie ausschließlich von Fachärzten nicht chirurgischer Herkunft beansprucht werden könnten. Ungefähr fünfzig Jahre danach scheint sich die Voraussicht Seiferts bewahrheitet zu haben. Die Internisten, die endoskopische Tätigkeiten ausgeführt haben, waren nämlich der Auffassung, daß Aus- und Weiterbildung in den Techniken der gastrointestinalen Endoskopie nur dem Fachbereich Gastroenterologie zustehen dürfe. Daraufhin enstand auf Initiative von B. C. Manegold die Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für Endoskopie und Sonographie (CAE) als Gruppe innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Diese Gruppe erachtete die Endoskopie als grundlegend für die Chirurgie wegen der Einbeziehung dieser Methodiken:

·          Zur endoskopischen Diagnostik akuter und chirurgischer Krankheitsbilder

·          In den prä-, intra- und postoperativen Verfahren;

·          Für die Tätigkeiten, die als „chirurgisch-therapeutische Endoskopie“ bezeichnet wurden.

Es war für mich immer schwer [ist mir immer schwer gefallen], letztere Diktion zu akzeptieren, weil ich nie die Notwendigkeit verstanden [eingesehen] habe, den Begriff „therapeutisch“ mit etwas zu assoziieren, was an sich schon chirurgisch ist. Die Appendektomie kann kein „chirurgisch-therapeutischer Eingriff“ sein.

Vor kurzem schien Beger diese Sicht akzeptiert zu haben, wenn er auch im Wesentlichen den ursprünglichen Ansatz bestätigt hat, als er 1999 erklärte, daß die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und die Deutsche Gesellschaft für Viszeralchirurgie die Disziplin der chirurgischen Endoskopie als der therapeutischen Endoskopie der Nichtchirurgen entgegengesetzt definiert haben. Mehrmals habe ich betont, daß letztere eher eine Entgegensetzung von Diktionen als eine inhaltliche Bestimmung zu sein scheint. Und sie verbirgt ein grundsätzliches Irrtum. Dieser Teil der Endoskopie kann von beiden Komponenten ausgeführt werden und kann somit auch einer der beiden untersagt werden, und zwar völlig willkürlich, weil es jeglicher Spezifizität entbehrt.

1984 habe ich Herrn Professor Manegold einen Brief mit zahlreichen Unterlagen, die mich betrafen, geschickt. Ich habe darin meine Sicht der Dinge dargestellt. Aber sowohl diese als auch meine Forderung, eine Italienische Gesellschaft für Chirurgische Endoskopie zu gründen, fielen in meinem Land ins Leere.

Zu diesem Zeitpunkt bestanden in Italien Abteilungen für Gastrointestinale Endoskopie, die von Ärzten sowohl chirurgischer als auch internistischer Provenienz geleitet wurden. Es gab auch zwei Spezialisierungen und zwei nationale Befähigungen zur chefärztlichen Leitung: Chirurgie und Digestive Endoskopie und Gastroenterologie und Digestive Endoskopie. Am 10. Dezember 1997 wurde jedoch ein Gesetz erlassen, das die Wettbewerbsbedingungen, die Voraussetzungen und die Kriterien für den Zugang zu leitenden, chefärztlichen Positionen reglementierte.

Dieses Gesetz interessiert uns in zweifacher Hinsicht. Erstens weil es definiert, welches die Abteilungen sind, die in den italienischen Krankenhäusern gegründet werden können. Auf dieser Liste wird die Digestive Endoskopie nicht einmal genannt, während die Fachgebiete „Gastroenterologie“ (tout court) und „Allgemeinchirurgie“ aufgeführt sind. Zweitens weil damit das Verschwinden der Diktion „Digestive Endoskopie“ in der Benennung der beiden Spezialisierungen sanktioniert wird, welche den Zugangzur Leitung der Abteilung für Digestive Endoskopie ermöglicht wird. Somit wird [wurde] das Fachgebiet „Chirurgie und Digestive Endoskopie“ schlechthin Allgemeinchirurgie und „Gastroenterologie und Digestive Endoskopie“.

Wir waren ins Mittelalter zurückgekehrt: mit den Dekreten von 1997 wird in Italien die Digestive Endoskopie als Disziplin getilgt, nur bloßer Ausdruck eines Instrumentes, eben des Endoskops, zu werden, das von jedermann benutzt werden konnte.

Folglich hörte damit auch die Figur des digestiven Endoskopikers auf zu existieren, dem schließlich nur noch die „Genugtuung“ verblieb, daß sein Dienst als dem in anderen Fachgebieten Geleistetem gleichgesetzt wurde. Unvergeßlich bleibt ein von der Italienischen Gesellschaft für Digestive Endoskopie (SIED) veröffentlichtes Dokument in dem es hieß:

„Die Digestive Endoskopie ist nicht mehr als autonome Disziplin anzusehen“. Das war kein Schmerzensschrei, sondern ein Siegesruf. Was auch immer es war ein heimtückischer Dolchstoß, und zwar aus heiterem Himmel.

Es sollte auch noch schlimmer kommen. Das Verschwinden der Abteilungen für Digestive Endoskopie erforderte auch die Versetzung des Personals in andere Abteilungen gemäß den Gleichstellungstabellen des geleisteten Dienstes. Die 1998 veröffentlichten Gleichstellungstabellen erkannten zwar den in den Abteilungen für Digestive Endoskopie geleisteten Dienst mit dem in der Gastroenterologie geleisteten als gleichwertig an, schwiegen sich aber über eine eventuelle Gleichwertigkeit des in den Abteilungen für Digestive Endoskopie geleisteten Dienstes mit dem in der Chirurgie geleisteten aus. Folglich verloren die Chirurgen, die in chirugischen Abteilungen für Digestive Endoskopie Dienst geleistet hatten, automatisch ihre Vergangenheit und wurden zu Findelkindern. Oder besser gesagt, erfuhren daß sie ope legis ihre berufliche Tätigkeit in Gastroenterologie , d. h. im medizinischen Bereich, ausgeübt hatten. Dieser „Status“ wurde schließlich noch durch ein Gesetz vom 29. Dezember 2000 gegeißelt. Dieses Gesetz wurde in einem Dokument der SIED als das geeigneteste Mittel erachtet, um den Übergang von der Chirurgie in die Gastroenterologie für diejenigen zu ermöglichen, die die endoskopische Tätigkeit weiterhin ausüben wollten.

In diesem besonders dunklen Augenblick wurde im Juni 2000 auf Initiative der Italienischen Gesellschaft für Chirurgie (Präsident: prof. Davide D’Amico), des Verbandes der Italienischen Krankenhauschirurgen (Präsident: Prof. Luigi Forlivesi), des Kollegiums der Ordinären für Chirurgie (Präsident: Prof. Claudio Cordiano), der Italiensichen Gesellschaft für Endolaparoskopische Chirurgie (Präsident: Prof. Enrico Cuore), die Italian Society for Surgical Endoscopy (ISSE) gegründet. So hat auf diese Weise meine Stellung Form angenommen, die 16 Jahre zuvor von dem chirurgischen Präsident der SIED abgelehnt worden war. Eine autonome, multidisziplinäre, von der Italienischen Gesellschaft für Chirurgie unabhängige Gesellschaft, die all diejenigen erfaßt, die die Endoskopie im chirurgischen Bereich ausüben. Diese gesellschaft hat zwei grundlegende Ziele:

Das unmittelbare Ziel war es, die Gleichwertigkeit der in der Endoskopie geleisteten Tätigkeit mit dem in der Allgemeinchirurgie geleisteten zu erlangen. Diese wurde unter der Präsidentschaft von Prof. Spineli durch das DMS vom 5. Juli 2002 erreicht und das in kurzer Zeit zur Anerkennung einiger Abteilungen für chirurgische Endoskopie in der Lombardei geführt hat. Heute gibt es zahlreiche, in fast allen Regionen verbreitete Abteilungen, von denen einige von Chefärzten chirugischer Provenienz geleitet werden. Zudem gibt es sehr viele Endoskopiezentren, die ihre Tätigkeit innerhalb von chirurgischen Abteilungen ausüben. Wir sind sicher, daß diese ihre Anerkennung in naher Zukunft erhalten werden. Jedenfalls üben diese Abteilungen die gesamte, auch diagnostische Tätigkeit ohne jegliche Einschränkung aus.

Eine zweite Anerkennung, die mir weit mehr am Herzen liegt, wurde am 25. September 2002 erreicht, als das Gesundheitsministerium und die für das Gesundheitswesen zuständigen Assessoren der italienischen Regionen die Leitlinien zur Organisation der Day Surgery-Tätigkeiten unterzeichnet haben. Die endoskopischen Tätigkeiten werden als „chirurgische Eingriffe und Verfahren“, die in Day Surgery oder stationär durchzuführen sind, anerkannt. Ist das die so lange ersehnte Antwort auf die Frage, die ich mir vor ungefähr 20 Jahren gestellt hatte: können wir die Polypektomie, die Papillotomie und die Laserbehandlung als therapeutische Endoskopietätigkeit bezeichnen?

Nein. Das ist endoskopische Chirurgie.

Im letzten Frühjahr haben der Präsident der Italienischen Gesellschaft für Chirurgie, E. Croce, und der Präsident der ISSE L. Norberto, an alle für das Gesundheitswesen zuständigen Behörden in Italien ein Schreiben gerichtet, in dem sie nochmals die endoskopisch ausgeübten chirurgischen Eingriffe, die in der Vergangenheit mit äußerst verschiedenen Bezeichnungen definiert wurden, als dem chirurgischen Gebiet zugehörig geltend machen. Außerdem haben sie erneut die Einrichtung von Abteilungen für chirurgische Endoskopie auf nationaler Ebene gefordert. Die Antwort der Gastroenterologen ließ nicht auf sich warten. In einem Schreiben vom 30. August letzten Jahres wurde öffentlich Anerkannt, daß einige endoskopische Verfahren „regelrechte chirurgische Eingriffe“ seien.

Dieser Tage werden Kollege, die Versicherungspolicen mit internistischem Risiko für endoskopische Leistungen abgeschlossen haben, diese von den internationalen Versicherungsgesellschaften aufgekündigt und dafür Verträge mit chirurgischem Risiko angeboten.

Was den Hochschulbereich angeht, ist in vielen italienischen Universitäten die chirurgische Endoskopie Lehrfach im Medizinstudium oder in der Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie. Die Befähigung wird durch Ausschreibung Hochschul- oder Krankenhausdozenten erteilt. Zur Zeit gibt es vier Ordentliche Professoren für Chirurgie, die die Dozentur für Endoskopie innehaben: Renzo Cestani  in Brescia, Paolo Bechi in Florenz, Guido Costamagna in Rom und M. Antonietta Pistoia in L’Aquila. Dazu kommen noch eine ganze Reihe von Privatdozenten. Wir sind überzeugt, daß sich diese schon ansehnliche Zahl in Zukunft noch erhöhen wird.

Ich glaube, daß diese junge Gesellschaft in diesen ersten fünf Jahren große Ziele erreicht, wenn der noch zurückzulegende Weg auch lang ist. Im besonderen muß das in der Gründungsakte festgelegte zweite Ziel in Angriff genommen werden. Die Institution der Disziplin Chirurgische Endoskopie mit polypspezialistischer Charakteristik. Die endoskopischen Methodiken werden in Zukunft noch zunehmen und wirksamer werden. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie die Charakkteristiken der Chirurgie, in allen ihren Teilgebieten noch weiterhin zu verändern vermögen. Als B. C. Manegold Surgical Endoscopy gründete hat er geschrieben, „Generations of surgeons, [...] are the real protagonists of endoscopy.“ Daß es nun dem Chirurg, der Endoskopie ausübt, gewährt wurde, „eine eigene“ Abteilung zu haben, in der er tätig ist und Karriere machen kann, bishin zur leitenden Stellung, stellt die wahre Antwort auf den Aufruf Seiferts vor 75 Jahren dar.

Zum Schluß möchte ich sagen [sei gesagt], daß man nicht von chirurgischer Endoskopie sprechen kann, ohne diese Diktion mit dem Begriff Courage zu verbinden. Diese Courage, die wir nicht als halsbrecherisches Risiko betrachten, sondern als moralische und soziale Tugend. Sie ist es, die es uns erlaubt, unsere höchsten Fähigkeiten in schwierigen Situationen einzusetzen und die sich als vollständige und vielschichtige Handlung darstellt, welche mit Weitsichtigkeit bis zur Erreichung des Endziels verfolgt werden muß. Ich werde nicht müde, zu wiederholen, daß es im Leben eine geheimnisvolle Kohärenz, einen Leitfaden, den manch einer Berufung oder gar Schicksal nennt, der erkannt erden will und den man nicht verleugnen darf, wenn man sich selber treu bleiben will, mit Enthusiasmus, Elan, moralischer Gesinnung, Kultur, hauptsächlich Würde, und etwas tun will, was Wert hat. Das alles haben wir von der ISSE intensiv gelebt, und wir werden die, die uns beigestanden haben, nicht vergessen.

Vielen Dank
   
   
 
         
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